Zen oder: Was ist ein Koan?
Wenn die Zeit gekommen ist, wird der Zen-Meister seinem Schüler ein Koan aufgeben. Ein Koan ist eine Frage, die niemand beantworten kann, weil sie unsinnig ist. Der Meister weiß das ebenso, wie sein Schüler. Dennoch erwartet er eine Antwort. Nach langem, manchmal jahrelangem Ringen, wird der Schüler vielleicht
Satori erleben und dem Meister seine Lösung mitteilen. Natürlich ist die Lösung logisch so unsinnig wie das Koan selbst. Aber alle, die Satori erfahren haben, berichten, daß sie durch das Ringen um die Lösung des Koans verändert wurden. Irgend etwas ist geschehen. Das Nachdenken über das Koan ist sinnvoll gewesen.
Was ist geschehen? Der Schüler bekam die Aufgabe dort einen Sinn zu suchen, wo kein Sinn ist. Der Meister wußte, was er tat, als er dem Schüler das Koan aufgab. Betrachten wir die Ausgangssituation des Schülers. Er war vor seinem Eintritt in den Zen-Orden durch seine genetischen Anlagen programmiert und durch seine Lebenserfahrung geprägt - so wie jeder andere Mensch auch. Wie jeder andere war er davon überzeugt, daß alles, was man macht, einen Sinn hat. Wer den Sinn seines Tuns nicht sieht, gibt ihm einen Sinn. So auch der Schüler, denn Tun ohne Sinn ist sinnlos. Sinnlos hat Nähe zu überflüssig, nutzlos, wertlos und kann nicht akzeptiert werden. Etwas sagte ihm, daß die Beschäftigung mit dem Koan sinnvoll sein würde, auch wenn die formale Logik dagegen sprach. Außerdem gibt es in einem Zen-Orden vermutlich keinen, der den Nutzen eines Koans in Frage stellt.
Nehmen wir an, daß der geplagte Schüler endlich
Satori erlebt hat. Das Koan ist beantwortet. Er geht zum Meister und teilt ihm die Lösung mit. Die Lösung ist ebenso sinnlos, wie das Koan selbst. Der Meister weiß das. Er erkennt aber die Veränderung des Schülers und erklärt das Koan für gelöst. Der wahnhafte Zwang, in allem einen Sinn suchen zu müssen, ist vom Schüler abgefallen. Die Befreiung von diesem Wahn war der Zweck des Koans.
An dieser Stelle schließt sich der Kreis in Richtung Buddhismus. Der Schüler hat das Ende der Sinnsuche als innere Befreiung, Satori, erfahren. Er hat realisiert, daß den Dingen und Erscheinungen kein Sinn innewohnt. Wo kein Sinn ist, findet sich auch kein Selbst, denn Selbst und Sinn existieren nicht unabhängig voneinander. Wenn das eine fehlt, kann das andere nicht vorhanden sein. Etwas zu suchen wo nichts ist, entspringt einem Wahn. Der Schüler hat durch die Arbeit mit dem Koan die Wahnhaftigkeit seiner Sinnsuche erkannt. Sinn kann man nicht irgendwo finden, auch nicht in einem Koan, das von einem Meister aufgegeben wurde. Sinn kann man nur in sich selbst finden. Das Leben ist sinnlos, man muß ihm den Sinn selbst geben. Man kann dem Leben immer einen Sinn geben, auch noch in der letzten Stunde vor dem Tode (Jedermann). Der Satz Sigmund Freuds: "Wer über den Sinn des Lebens nachdenkt, ist krank." wird jetzt verständlich. Denn wer über den Sinn seines Lebens nachdenkt, kennt ihn nicht.
Ich stelle noch fest: Wenn nach buddhistischem Glauben in der Welt kein Sinn ist, heißt das noch lange nicht, daß sie sinnlos ist. Es heißt lediglich, daß wir einen naturgegebenen Sinn nicht sehen und deshalb die Sinnfrage nicht stellen sollen. Anders ausgedrückt: Wir sollen die Welt so nehmen, wie sie ist. Sie wie auch immer zu bewerten, übersteigt unsere Möglichkeiten, schadet uns. Wir sollen in jedem Augenblick gemäß den objektiven Anforderungen und Gegebenheiten so entscheiden, wie wir es für richtig halten und wie es die Situation erfordert. Das in allen Lebewesen angelegte Unbewußte kennt den Sinn, es genügt ihm zu folgen. Insbesondere sollen wir uns nicht dazu berufen fühlen, die Welt zu verbessern oder zu verändern. Verbessern oder verändern kann man die Welt nur dadurch, daß man sich selbst verbessert oder verändert. (Hier liegt einer der Denkfehler des Herrn Marx, den die Geschichte "gewogen und für zu leicht befunden" hat.) Wer das erkannt hat, handelt nach der Lehre Gotama Buddhas.
"Die letzte Bestimmung des Satori bezieht sich auf das Selbst. Es hat keine andere Aufgabe, als in das eigene Selbst zurückzuführen."
Daisetz Teitaro Suzuki
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"Der Kampf in unserem Bewusstsein zwischen richtig und falsch führt zur Krankheit des Geistes."
Shinjinmei, Meister Sosan
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"... das Wesen der nervösen Störung besteht in letzter Linie in einer Instinktentfremdung, in einer Abspaltung des Bewußtseins von gewissen seelischen Grundtatsachen."
C. G. Jung über die "Grundwahrheit aller Neurosen"